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Interkulturelle Kompetenz - Ist das ansteckend?

Was bedeutet Interkulturelle Kompetenz tatsächlich? Unsere Autorin Emra Ilgün geht in ihrem Kommentar nicht nur dieser Frage nach, sondern sie zeigt auf, wie wertvoll diese Kompetenz und auch der Migrationshintergrund sind.

Als Diplom-Pädagogin werde ich oft darum gebeten, Seminare über "Interkulturelle Kompetenz" durchzuführen. Was sich meine Auftraggeber darunter oft vorstellen, ist, dass sie danach wissen, wie man richtig mit der "Spezies Migrant" umgeht. Wieso sehnen sich die Leute nach Handlungsrezepten, anhand derer man genau weiß, wie man sich Menschen mit Migrationshintergrund gegenüber verhält? Heißt das, dass Menschen mit Migrationshintergrund alle gleich sind?

Interkulturelle Kompetenz ist keine einzelne Fähigkeit sondern ein ganzes Bündel an Fähigkeiten. Hierfür muss man zum einen Wissen erwerben (z.B. Warum gibt es Migranten in Deutschland? Wie sind sie hierher gekommen? Welchen Status haben sie hier? Wie hoch ist ihr Anteil?). Zum anderen muss man sich mit den eigenen Gefühlen auseinandersetzen (z.B. Wann und warum fühle ich mich manchmal fremd oder befremdet? Wieso reagiere ich gerade abweisend? Kann ich diese Situation noch aushalten?), und schließlich muss man sich dementsprechend auch verhalten können (z.B. respektvoller Umgang, Akzeptanz, Echtheit, Empathie). Interkulturelle Kompetenz eignet sich nicht nur für den Umgang mit Personen anderer kultureller Herkunft, sondern auch zum Umgang mit Fremdheit im Allgemeinen. Denn Fremdheit macht sich nicht nur an Kultur fest, sondern auch an körperlicher oder geistiger (Un-)Versehrtheit, an sexuellen Neigungen oder unterschiedlichen Schichten und am Geschlecht.


Die Kultur des Gegenüber nicht ignorieren

Wissenswertes:
In Deutschland leben 15,3 Mio. Menschen mit Migrationshintergrund, das ist fast jede fünfte Person. Bei den Kindern und Jugendlichen ist der Anteil noch höher

erst seit 2005 haben wir ein offizielles so genanntes "Zuwanderungsgesetz"

die drei größten Migrationsgruppen in Deutschland sind: Arbeitsmigranten und ihre Nachfahren, Spätaussiedler sowie Asylbewerber und Flüchtlinge

die meisten Menschen mit Migrationshintergrund leben in den alten Bundesländern und Berlin (95,9%)

An den Beispielen kannst du erkennen, dass es nicht so einfach ist, interkulturell kompetent zu sein. Man muss sich anstrengen, um seinem Gegenüber gerecht zu werden. Was heißt das ganz konkret? Das bedeutet, dass, wenn mir jemand begegnet, der mir zunächst fremd ist, ich nicht direkt meine Vorurteile abspule, und ihm diese aufdrücke, z.B. indem ich meine, alle Türken seien gläubige Muslime. Dann gehe ich nämlich automatisch davon aus, dass mein Gegenüber mit türkischem Migrationshintergrund auch gläubiger Muslim ist und alles über den Islam weiß. Stattdessen sollte ich mir bewusst machen, dass er ein Individuum ist, so wie ich auch. Das gibt ihm das Recht Muslim zu sein aber auch Christ, er kann gläubiger oder orthodoxer Muslim sein, vielleicht ist er aber auch Atheist.

Kultur ist nichts Festes, Starres, sondern sehr lebendig und verändert sich daher ständig. Wichtig ist es, dem Gegenüber die Möglichkeit zu geben, selbst zu definieren, was er ist, ohne dabei seine Kultur zu ignorieren. Diese Balance zu halten, ist unheimlich anstrengend, weil es auch bedeutet, dass ich ständig an mir selbst arbeiten muss, d.h. ich muss mein Verhalten und meine Vorurteile ständig reflektieren, überprüfen und mich weiterentwickeln, und das ein Leben lang.

Das bringt mich zu meiner Ausgangsfrage, warum Menschen sich nach Handlungsrezepten sehnen. Sie sehnen sich danach, weil sie das Leben vereinfachen und das Denken ersparen. Aber damit bringen sie das Gegenüber um ein entscheidendes Recht: Nämlich das der Einzigartigkeit.


Migrationshintergrund ist etwas Positives

Jetzt fragst du dich sicher, was das Ganze mit dir zu tun hat. Viele Jugendliche mit Migrationshintergrund sind es leid, immer nach ihrem Migrationshintergrund gefragt und danach beurteilt zu werden. Sie wollen einfach nur sie selbst sein. Das ist auch ihr gutes Recht! Allerdings werden Jugendliche oft genug benachteiligt und diskriminiert, gerade wegen des Migrationshintergrundes. Deshalb wäre es naiv, ihn zu ignorieren, denn in der Welt da draußen zählt der Migrationshintergrund, wenn auch immer noch zu oft in negativer Weise. Dem kannst du etwas entgegensetzen, indem du beweist, dass Migrationshintergrund eben etwas Positives ist. Niemand wird interkulturell kompetent geboren, und alle, die in unserer pluralen Welt leben, müssen sie erwerben und pflegen. Jugendliche mit Migrationshintergrund haben allerdings einen Vorteil, was Interkulturelle Kompetenz angeht: Sie lernen schon von klein auf mit Widersprüchen klar zu kommen, sie können ganz leicht zwischen zwei oder manchmal auch mehreren Sprachen switchen und für sie sind Unterschiede ganz normal.

Ich bin mir sicher, dir fallen noch ganz viele andere Sachen ein, die du super kannst, gerade weil du vielleicht einen Migrationshintergrund hast. Gehe offensiv mit deinen Vorzügen und Fähigkeiten um! Lass  nicht die Anderen bestimmen, wann dein Migrationshintergrund gerade wichtig ist und wann nicht, sondern bestimme es selbst! Die afroamerikanische Dichterin Pat Parker hat mal gesagt: "Für die Weiße, die wissen möchte, wie sie meine Freundin sein kann. Erstens: Vergiss, dass ich schwarz bin. Zweitens: Vergiss nie, dass ich schwarz bin." Dieses Zitat werde ich den Leuten am besten sagen, wenn sie mich das nächste Mal nach einem Handlungsrezept zum Umgang mit Migranten fragen! Ich wünsche dir viel Erfolg in der multikulturellen Welt!


Die Do's und Don'ts:

DO'S

Respekt
Offenheit
Akzeptanz
Einfühlungsvermögen
Kennen der eigenen Grenzen
Bewusstsein über eigene kulturelle Prägungen
Wissen über die Migrationsgesellschaft erwerben

DON'TS

Beleidigung
keine vorgefertigten Handlungsrezepte
Ausschluss von anderen aufgrund Andersheit
Von Vorurteilen auf einzelne Personen ausgehen
Glauben, man sei normal, der andere sei "unnormal"
Die Gefühle und die Situation des Anderen bewusst ignorieren

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