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Vieles gleich - und doch ganz anders

Ein Auslandsaufenthalt - eine sinnvolle Möglichkeit seine Schul- oder Studienzeit zu ergänzen. Aber auch danach, wenn das Berufsleben begonnen hat, ist es nicht zu spät für eine Horizonterweiterung und neue Erfahrungen. Hier nun einige Eindrücke von unserer Autorin Özlem Topcu, die zurzeit an einem Austauschprogramm für Journalisten in der Türkei teilnimmt.

Özlem Topcu
Özlem Topcu als Praktikantin in der Redaktion von Habertürk.

"Noch zehn!" Die Spannung im Regieraum des türkischen Privatsenders "Habertürk" steigt. Alle Mitarbeiter gehen an ihre Plätze. Regisseurin Duygu gibt letzte Anweisungen an die Kameraleute im Studio. Der Raum ist komplett abgedunkelt, nur die vielen Monitore leuchten in schimmernden Farben. Es ist Mittwochabend, 20.30 Uhr, Zeit für "Olaylar ve Gerçekler", einer der wichtigsten Live-Sendungen von Habertürk.

"Noch fünf!" Produzentin Oya (30) hat keinen einfachen Job. Sie ist nicht nur verantwortlich für den gesamten Ablauf der Sendung, sondern auch für das Wohlergehen der beiden Moderatoren Sevilay Yükselir und Fatih Altayli. Neben ihrer Tastatur liegen drei Handys, die ununterbrochen klingeln. Ihr eigenes und die der beiden Moderatoren. "Nein, es tut mir leid, Frau Yükselir ist gleich auf Sendung. Kann ich etwas ausrichten?", teilt sie den Anrufern unentwegt mit. Die beiden Journalisten Yükselir und Altayli sind in der Türkei sehr bekannt. In der eineinhalbstündigen Sendung "Olaylar ve Gerçekler", was so viel heißt wie "Ereignisse und Wahrheiten", analysieren sie einmal in der Woche das wichtige politische und gesellschaftliche Geschehen im In- und Ausland.

"Noch drei, zwei, eins – wir sind auf Sendung!" - Willkommen bei Habertürk in Istanbul! Hier saß ich nun und war wieder Praktikantin, mit 31 Jahren.  Eigentlich ein bisschen zu alt für ein weiteres Praktikum, nachdem ich in Deutschland bereits seit vier Jahren als Journalistin gearbeitet habe. Was war nur geschehen?


Ein Austauschprogramm für junge Journalisten

Nein, ich habe meinen Job in Hamburg nicht hingeschmissen. Und ausgewandert bin ich auch nicht. Ich habe mich für ein zweimonatiges Arbeitsstipendium beworben, das die "Internationalen Journalisten Programme" (IJP) vergeben. Und es bekommen.

Jedes Jahr halten die IJP etwa 120 solcher Stipendien gleichzeitig für deutsche und ausländische Journalisten bereit. Das Ziel der Stipendienprogramme ist es, Journalisten aus aller Welt über ihre eigenen Landesgrenzen hinaus zu vernetzen. In einer Welt, die mehr und mehr zu einem globalen Dorf wird, sollen sogenannte Multiplikatoren, zu denen auch Journalisten gehören, ihr Wissen über die Politik, Wirtschaft, Kultur und das System anderer Länder vertiefen. Wer ein Stipendium ergattert, geht für mindestens sechs bis acht Wochen als Gastautor in eine Redaktion im Ausland und arbeitet gleichzeitig als "Korrespondent auf Zeit" für seine Zeitung oder seinen Sender. Mittlerweile gibt es weltweit zehn Partnerregionen, mit denen Deutschland solche Austauschprogramme veranstaltet. Eines der ältesten ist das "Arthur F. Burns Fellowship", das zwischen Deutschland und den USA stattfindet. Ähnliche Austauschprogramme gibt es mit Ländern in Asien, Lateinamerika, dem südlichen Afrika, Nord- und Osteuropa, dem Nahen Osten, den Niederlanden sowie Großbritannien.

Das deutsch-türkische "Bundespräsident Johannes Rau Journalistenstipendium" ist das jüngste Austauschprogramm der IJP. Es wird in diesem Jahr zum dritten Mal veranstaltet. Neun Journalisten aus Deutschland (unter anderem ich) sitzen momentan in verschiedenen Büros in Istanbul und versuchen zu verstehen, wie unsere türkischen Kollegen bei Fernsehsendern wie ATV, NTV, Habertürk CNBC, CNN Turk oder in Redaktionen von Zeitungen wie der Radikal, Referans, Agos oder der englischsprachigen Today's Zaman arbeiten. Mit dem deutschen Journalismus schlagen sich gleichzeitig vier junge Journalisten aus der Türkei herum, die ihr Stipendium bei der Deutschen Welle in Bonn, dem WDR in Köln und der Berliner Zeitung in Berlin verbringen.

Unterschiede und Gemeinsamkeiten

Regie von Habertürk.com
Live auf Sendung: Ein Blick in den Regieraum von Habertürk.

Und genau darum geht bei diesem Austausch: Die Arbeitsweise in einem anderen Land kennenzulernen, voneinander zu lernen sowie das System und die Menschen hinter diesem System zu verstehen. Jeder, der eine gewisse Zeit im Ausland verbringt, ob zu Schulzeiten oder im Studium, wird die Erfahrung machen, dass vieles gleich ist – und doch alles anders. Nehmen wir meine Gastredaktion, den Nachrichtensender Habertürk. Genau wie in deutschen Redaktionen werden hier den ganzen Tag über Konferenzen abgehalten, wird das Programm des laufenden Tages vorbereitet und produziert, werden Themen für die Sendungen und Berichte ausgewählt. Es wird sehr professionell und konzentriert gearbeitet. Auffällig ist dabei, dass die Mitarbeiter sehr jung sind. Besonders in der Internetredaktion von Habertürk sind die meisten Angestellten unter 30 Jahre alt. Viele von ihnen haben einen Uni-Abschluss in Fächern wie Kommunikationswissenschaft oder Journalismus.

Und doch läuft vieles anders. In der Internetredaktion beispielweise arbeiten die Redakteure sechs Tage die Woche, ohne Ausgleichstag oder Gehaltszuschlag. Alle 15 Minuten wird die Schlagzeile auf der Startseite geändert, ob das neue Thema wichtiger ist als das vorherige oder nicht. Viele Nachrichten, die von Nachrichtenagenturen kommen, werden nicht noch einmal recherchiert, sondern eins zu eins übernommen. Für alles andere fehlt die Zeit. Doch der auffälligste Unterschied ist: Was der Chef sagt, wird selten in Frage gestellt. Das alles sind Dinge, die meine türkischen Kollegen auch kritisieren und gern anders hätten.

Dennoch, der Austausch mit den Kollegen bei Habertürk ist sehr interessant und bereichernd. Unter türkischen Journalisten herrscht ein sehr großes Interesse an Geschehnissen in Europa und besonders in Deutschland. Gleichzeitig spreche ich Türkisch, was die Kommunikation zwischen uns erleichtert. Meine deutschen Kollegen, die kein Türkisch sprechen, haben es in diesem Punkt etwas schwerer. Ich glaube, dass ich jetzt, bereits mit meinen Erfahrungen und Beobachtungen nach wenigen Wochen, die Türkei, bestimmte Meinungen und das Mediensystem besser verstehe als noch vor dieser Zeit. Ich rate jedem dazu, eine gewisse Zeit im Ausland zu verbringen. Ob im Rahmen eines Schulaustauschs, einer Ausbildung oder eines Studiums. Man ist vielleicht irgendwann zu alt für bestimmte Praktika. Aber man ist sicher nie zu alt, um dazuzulernen.


Nützliche Links:

>

Infos zum Schüleraustausch

>

Infos zum Studium im Ausland

>

Infos über das Bundespräsident-Johannes-Rau-Journalistenstipendium

Kommentar
  • Würde ich gerne machen... Jelena, 12.12.2008 13:01

    Ich finde solche Auslandspraktika sehr toll. Würde mich auch sehr reizen sowas zu machen. In der Medizin sollte man das auch anstreben, weil diese Referenzen wichtig sind.

    Also ein echt guter Artikel, wobei ich nie den Draht zu türkischen Medien hatte, aber durchs Lesen fast schon bekommen haben.

  • Türkischer Journalismus? Faik, 11.12.2008 16:12

    Also ich lese gerne türkische Zeitungen und schaue auch gerne türkisches Fernsehen, aber von Kompetenz habe ich da nix gesehen.

 
 
 

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