"Das Kostbarste ist unsere Lebenszeit"
Güner Yasemin Balci, Journalistin und das jüngste Kind türkischer Einwanderer, hat in ihrem Buch "Arabboy" die Geschichte Rashids aufgeschrieben. Im Interview mit Mixopolis spricht sie aber auch über ihre eigene Kindheit und dem Zufall mit dem Journalismus.

Frau Balci, Sie haben mit Ihrem ersten Roman "Arabboy" einiges Aufsehen erregt. Was bedeutet Ihnen dieses Werk?
Das Buch ist für mich die Möglichkeit, einer großen Öffentlichkeit Lebensrealitäten von Menschen zu zeigen, die ein Teil der deutschen Gesellschaft sind, aber als solcher nicht genug wahrgenommen werden.
Sie sind selbst in dem Berliner Viertel aufgewachsen, in dem Gewalt, Trostlosigkeit und Abstieg herrschen – wie haben Sie es geschafft, zu studieren, ein Buch zu schreiben und heute als Journalistin bei Frontal21 zu arbeiten? Hatten Sie Vorbilder?
Meine Eltern haben mich immer dazu animiert, zur Schule zu gehen und ich habe eine ältere Schwester, die war für mich immer ein Vorbild, weil sie ihr Abitur schon hatte. Ich hatte immer wieder Vorbilder, meist waren es Lehrer oder die Frauen aus dem Mädchentreff "MaDonna". Mein größtes Vorbild ist aber meine Mutter – sie hat immer ihr eigenes Geld verdient und hat sich als erste Frau in unserer Verwandtschaft von ihrem Mann getrennt, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen.
In der 7. Klasse standen in Ihrem Zeugnis fast nur Vieren und Fünfen und Sie mussten das Gymnasium verlassen. Da hätten Sie doch auch resignieren können, warum war das nicht so?
Ich dachte mir: "Jetzt erst recht!". Ich wollte auch an den schönen Dingen des Lebens teilhaben. Zwar gab es bei uns zu Hause keine Bücher und auch der Zugang zu Kunst und Kultur war nicht selbstverständlich, aber ich wurde sehr frei von religiösen und traditionellen Zwängen erzogen und durfte mich meinen Interessen widmen. Ich habe schon sehr früh gemerkt, dass ich ohne Bildung den Absprung aus meinem sozialen Milieu nicht schaffen würde. Mein Traum war es schon damals, irgendwann einmal ein Buch zu schreiben. Eines, dass es wert ist, gelesen zu werden.
| Güner Balci über Mixopolis: |
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| "Jugendliche verbringen viel Zeit vor dem Computer. Da ist es gut, wenn sie durch Mixopolis Infos erhalten, die ihre Lebensrealität betreffen." |
Man liest über Sie, dass Sie aus einer alevitischen Familie stammen, in der Zaza gesprochen wurde, nicht Türkisch. Deshalb hätten Sie Deutsch lernen müssen. Inwieweit war das hilfreich?
Bei uns wurde auch Türkisch gesprochen, aber meinen Eltern war Deutsch wichtiger, weil es die Landessprache ist und weil sie wollten, dass wir gut in der Schule sind. Ganz pragmatisch eben. Deshalb konnten meine Eltern auch gut Deutsch. Heute weiß ich, dass das alles nicht selbstverständlich ist. Türkisch spreche ich auch sehr gut, es ist neben Englisch meine zweite Fremdsprache.
Nach dem Abitur haben Sie zunächst Erziehungswissenschaften studiert und nebenbei angefangen im Mädchentreff "MaDonna" zu arbeiten, wo Sie sich zwölf Jahre engagierten. Wie sind Sie zum Journalismus gekommen?
Ich habe Erziehungswissenschaften und Literaturwissenschaften studiert. Zum Fernsehjournalismus bin ich durch einen Zufall gekommen: Ein Kollege entdeckte mich bei einer Recherche zum Thema "Islamismus in Deutschland". Er bot mir eine Co-Autorenschaft an. Das war ein großes Glück!
'Was würden Sie Jugendlichen empfehlen, die am Anfang ihrer beruflichen Laufbahn stehen oder vielleicht gerade merken, dass sie mit ihrer jetzigen Stelle nicht zufrieden sind und etwas anderes ausprobieren möchten?
Für mich war es immer das beste Prinzip, etwas zu machen, woran ich glaube und was ich als richtig empfinde. Denn man kann nur überzeugen, wenn man auch selber überzeugt ist. Wenn man mit etwas unzufrieden ist, sollte man diesen Zustand nicht in die Länge ziehen, sondern über Veränderung nachdenken. Denn das kostbarste, was wir haben, ist unsere Lebenszeit und die sollten wir nicht unzufrieden verbringen. Manchmal muss man eben etwas riskieren und auch, wenn etwas nicht so klappt, wie wir uns das vorstellen, ist die Lehre, die man daraus zieht, ein großer Gewinn und der Beginn für etwas Neues.
Was versprechen Sie sich von einem Internet-Portal wie Mixopolis?
Ich glaube, dass gerade junge Menschen immer mehr Zeit vor dem Computer verbringen, da ist es gut, wenn sie Informationen erhalten, die ihre Lebensrealität betreffen und gleichzeitig eine Plattform haben, um sich direkt auszutauschen. Das verspreche ich mir von Mixopolis.
Du willst mehr über "Arabboy" erfahren?
Hier gibts die Rezension zum Buch: